"Hier und Jetzt."
Das sind zwei einfache Worte für deren Verständnis manchmal das Leben nicht ausreicht.
Ich weiß nicht ob der Zwischenfall den ich erlebt habe auf "Hier und Jetzt" zurückzuführen ist aber für mich ist das Verständnis dieser beiden Wörter ein Schritt näher gerückt.
Alles passierte im Urlaub auf der Krim. In dem Jahr dauerte mein Urlaub ganze drei Monate. Zwei Wochen nach meinem regulären Urlaub bekam ich einen Job als Manager in der Ferienanlage bei einem Weingut in der ich Urlaub machte. Er dauerte bis Ende Oktober. In Kiew wartete niemand auf mich. Mein Business in Kiew konnte ich telefonisch führen. Der Manager Job nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Ich musste die neuen Gästen begrüßen, die Zimmer zu weisen, Bettwäsche ausgeben und Coupons für Essen austeilen. Es waren nicht viele Leute in der Anlage. Es war Altweibersommer. An einem der sonnigen Herbsttage wärmte ich meinen Körper achtlos am Strand. Links, nicht weit von mir, war ein frisch verliebtes Paar. Das Paar flirtete miteinander. Das Mädchen war schlank und schämte sich nicht für ihren Körper. Ihr Freund mochte es nicht, dass sie ohne Top ein Sonnenbad nahm. Er versuchte sie die ganze Zeit wieder anzuziehen. Auf der rechten Seite, näher am Wasser, nahm eine blonde Frau mit einem Kind ein Sonnenbad. Sie war ende 20 und eine sehr schöne Frau. Sie stach von allen hervor. Sie hatte vorbildliche Proportionen. Sie und ich waren als einzige am FKK Strand nackt. Dann nahm ein Mann hinter ihr ein Sonnenbad. Ich schaute durch meine geschlossenen Augenlider in die Sonne und meditierte. Ich fühlte wie Wassertropfen auf meinem Körper in der sengenden Sonne aus trockneten und Salzspuren auf meiner Haut hinterließen. Anrollende Wellen bewegten die Steine in der Brandung und das Meer schaffte eine Melodie. Es war ein fünfminütiges Paradies für mich.
An einem Punkt meiner Meditation verschwand dieses Paradies. Ich hörte nicht auf all das zu sehen und zu hören. Nein, ich bin einfach dieses ganze Paradies geworden. Ich wurde alles was in der Nähe war. Alles - alles. Ich glaube, mein Bewusstsein hat sich erweitert und ich wurde zu einem Strandabschnitt und allen die daran beteiligt waren. Ich wurde eine Welle und Küste. Ich rollte auf Kieselsteinen. Ich drehte mich in einer laufenden Welle. Es ist ein sehr ungewöhnliches Gefühl zugleich Wasser und Stein zu sein. Ich war die Frau auf der rechten Seite. Meine Gedanken waren über meinen Sohn, oder besser gesagt den Söhnen, die “Zwillinge”. Ich dachte an eine Karriere im Lenin-Komsomol-Theater und an meinen älteren Ehemann. Ich war das Paar und habe mit mir selbst geflirtet. Ich wusste, dass sie ihn mag und ich wusste, dass wir möchten. Ich war eher das, was sie möchten.
Ich fühlte mich von Körpern angezogen. Er wollte sie haben, sie wollte einen Ehemann und Kinder. Es war ein wenig Eifersucht in ihm. Dumme Eifersucht, einen anderen haben zu wollen. Ich war eine brodelnde Leidenschaft in ihnen. Ich konnte mich nicht von ihnen trennen. Ich war mit ihnen. Ich war der Mann auf der rechten Seite. Ich war nicht mehr ganz jung und einsam. Ich hatte mit gierigen Augen den Körper der jungen Schauspielerin gegessen und es hatte mich erregt. Ich erinnerte mich an meine zwei Ex-Frauen und machte sie dafür verantwortlich, dass sie mich nicht verstanden hatten und dass die perfekte Frau ein paar Meter von mir entfernt lag. Und es hatte mich nicht gestört, dass ich 45 bin und mit meiner Mutter zusammen lebte.
Ich war alle auf diesem Stück Land. Ich war in diesem Moment das Leben an diesem Ort. Ich glaube, ich wurde wie ein Gott auf zwanzig Metern des Strandes.
Ich war das kleinste Sandkorn und ein Molekül Wasser, fürsorglich, besorgt, liebevoll für den Moment meines Lebens. Ich war diese Kraft, diese Sphäre in der wir leben.
Es dauerte nicht lange, vielleicht einen Moment, vielleicht eine Minute, ich weiß es nicht. Als ich wieder auf die Größe meines Körpers geschrumpft bin, war ich sehr betroffen. Das kann als Ratlosigkeit und Schock bezeichnet werden. Ich konnte lange keine Erklärung dafür finden. Ich denke, dass es in diesem Moment ein Moment der vollständigen Realität war. Alle Veränderungen die mir passierten fühle ich jetzt noch.
Am Abend hatte ich ein Picknick am Strand mit Wein und Muscheln und lud sie alle ein. Es gab viel Weißwein. Es ist gut wenn du ein Manager in der Ferienanlage des Weinguts bist. Wir haben Muscheln direkt aus dem Wasser gesammelt. In den Küstenfelsen gab es viele. Ich zeigte den Männern wie man taucht und Miesmuscheln sammelt. Zusammen sammelten wir eine Menge von ihnen. Direkt im Sand machten wir ein Feuer und haben Muscheln auf einem Blech gebraten. Wir tranken Wein und aßen Muscheln. Je mehr Wein wir tranken, desto gesprächiger wurden alle. Die Neugierde platzte in mir. Ich wusste alles über sie. In einem angetrunkenen Gespräch habe ich zum Spaß oder nebenbei Fragen zum Theater und zu den Kindern gestellt. Oder erwähnte, dass die Mutter die beste Freundin für den 45 Jährige Mann ist. Ich wollte das Paar fragen, was sie am FKK-Strand machen? Aber ich tat es nicht. Sie sprachen über sich selber. Ich habe meine Neugier gestillt. Je mehr wir tranken, desto mehr erzählten sie mir von sich. Ich habe in diesem Moment der Realität Informationen über sie erhalten oder vielmehr über mich selbst mit diesem Moment. Wir tranken meinen ganzen Wein und den Wein, den sie mitbrachten. Ich habe über mich und über sie in 5 Minuten gelernt. Alles was mit mir war stimmte, war eine Realität. Die Zwillinge, die Schauspielerin, der neidische Mann, zwei Frauen und noch mehr.
Das Prisma unserer Vorstellungen verzerrt die wahre Realität zu sehen.
01/10/2019
©Andrew Buckin
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